21. Januar 2026 Philipp Markus Wiedmaier Lesezeit: 11 Minuten

Warum wird mir beim Aufstehen schwindelig, schlecht, schwarz vor Augen – manchmal mit Herzrasen, Zittern und Benommenheit – obwohl alle Untersuchungen „normal“ sind?

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Kurzantwort:

Weil dein autonomes Nervensystem die Blutverteilung beim Wechsel vom Sitzen oder Liegen ins Stehen nicht korrekt reguliert. Das heißt:
Dein Blut fällt zu stark in die Beine ab → zu wenig Blut im Oberkörper → das Gehirn bekommt kurzfristig zu wenig Durchblutungssignal → Schwindel, Herzrasen, Benommenheit.

Das nennt man POTS:
Posturales Orthostatisches Tachykardie-Syndrom.

Und:
POTS ist real.
POTS ist körperlich.
POTS ist behandelbar.
POTS wird extrem häufig übersehen.

1. Was ist POTS?

POTS bedeutet:
Posturales Orthostatisches Tachykardie-Syndrom.

„Postural“ = Lagewechsel
„Orthostatisch“ = vom Liegen/Sitzen ins Stehen
„Tachykardie“ = Herzrasen
„Syndrom“ = Kombination von Symptomen

Es beschreibt einen Zustand, bei dem:

  • Beim Aufstehen → Herzfrequenz rapide steigt

  • Ohne dass der Blutdruck abfällt

  • Und ohne dass das Herz selbst krank ist

  • Schwindel, Benommenheit, Sehprobleme, Zittern und Erschöpfung auftreten

POTS ist keine psychische Erkrankung, keine Einbildung, kein „Stressschwindel“, sondern eine echte Fehlregulation des autonomen Nervensystems.

POTS Schwindel

2. Typische Symptome (alle sehr real)

Symptome beim oder kurz nach dem Aufstehen:

  • Schwindel

  • Schwarzwerden vor Augen

  • Herzrasen

  • Benommenheit

  • Unsichere Beine

  • Sehstörungen

  • Druckgefühl im Kopf

  • Ohrensausen

Zusatzsymptome:

  • Brain Fog („wie benebelt“)

  • Müdigkeit & totale Erschöpfung

  • Atemnot – trotz normalen Sauerstoffwerten

  • Zittern, Schwäche

  • Übelkeit

  • Hitzeintoleranz

  • Beschwerden nach warmen Duschen

  • Unverträglichkeit von langem Stehen („Stehen in der Schlange ist Folter“)

  • Starke Erschöpfung nach Sport

Reizüberempfindlichkeiten:

  • Licht

  • Geräusche

  • Temperatur

  • Stress

Viele Betroffene sagen Sätze wie:

„Ich fühle mich wie aus Energie ausgesaugt.“
„Ich habe das Gefühl, ich kippe um, aber ich kippe nie.“
„Es ist wie Schwindel plus Herzrasen plus totaler Schwäche.“
„Duschen macht es schlimmer.“
„Ich halte kein Stehen aus.“

3. Was passiert physiologisch?

Der Körper muss beim Aufstehen folgendes tun:

  • Blut aus den Beinen nach oben pumpen

  • Gefäße in den Beinen eng stellen

  • Herz minimal schneller schlagen lassen

  • Gehirn ausreichend versorgen

Bei POTS klappt dieser Regler nicht richtig:

  • Die Gefäße in den Beinen verengen sich nicht genug

  • Zu viel Blut sackt ab

  • Das Herz versucht, das zu kompensieren → Herzrasen

  • Das Gehirn bekommt weniger Perfusionssignal → Schwindel, Benommenheit

  • Nervensystem überreagiert → Zittern, Unruhe, Atemnotgefühl

4. Warum tritt POTS oft plötzlich auf?

POTS entwickelt sich häufig nach:

  • Infekten (z. B. Virusinfektionen)

  • langen Stressphasen

  • Operationen

  • Verletzungen

  • Schwangerschaft

  • hormonellen Umstellungen

  • schweren Belastungen

  • Phasen körperlicher Überforderung

Auch Autoimmunprozesse oder Bindegewebsschwächen können beteiligt sein.

Viele berichten:

„Es kam aus dem Nichts. Seit einem Infekt bin ich nicht mehr die Gleiche.“

6. Warum wird POTS so oft übersehen?

  • Symptome sind diffus: Schwindel, Erschöpfung, Herzrasen

  • Viele Ärzte denken zuerst an:

    • Stress

    • Angst

    • Burnout

    • Anemia

  • Standard-MRT, CT, EKG sind meist normal

  • POTS ist eine Funktionsstörung, keine strukturelle

  • Die Diagnose hängt von der richtigen Messmethode ab – die selten angewendet wird

Viele Patienten hören:

„Alles normal. Sie sind gestresst.“
„Ihre Werte sehen gut aus.“
„Sie müssen sich mehr bewegen.“

Diese Aussagen sind falsch oder mindestens unvollständig.

7. Unterformen von POTS

1) Neuropathisches POTS

Nerven in den Gefäßen reagieren zu schwach → Blut versackt.

2) Hyperadrenerges POTS

Sympathikus überaktiv → extremes Herzrasen, Zittern, Adrenalin.

3) Hypovolämie-POTS

Der Körper hat zu wenig Blutvolumen.

4) Autoimmunassoziiertes POTS

Nach Infekten/Immunreaktionen.

5) POTS bei Bindegewebsschwäche (z. B. Hypermobilität)

Gefäße sind „zu locker“.

POTS

8. Häufige Auslöser von POTS-Symptomen im Alltag

  • heißes Duschen

  • warmes Wetter

  • langes Stehen

  • kurzes Aufstehen aus dem Bett

  • wenig Schlaf

  • zu wenig trinken

  • Alkohol

  • große Mahlzeiten

  • PMS oder Hormonveränderungen

  • zu intensiver Sport

  • Stress

9. Therapie – was wirklich hilft (in der Praxis)

1) Flüssigkeit

3 Liter pro Tag (individuell je nach Arzt!)

2) Salz

8–12 g pro Tag (wenn ärztlich erlaubt)
→ erhöht Blutvolumen

3) Kompressionsstrümpfe

Klasse 1–2
→ verhindert Absacken des Blutes

4) Ausdauertraining

Aber: sehr langsam steigern.
Viele starten im Liegen (Rekumbent Bike).

5) Ernährung

  • kleine Mahlzeiten

  • wenig Zucker

  • ausreichend Salz

  • elektrolytreiche Getränke

6) Medikamente (je nach Arzt)

  • Betablocker

  • Midodrin

  • Ivabradin

  • Fludrocortison

  • Antihistaminika bei Mastzellbeteiligung

7) Nervensystem-Regulation

  • Atemtraining

  • Stressabbau

  • Schlaf stabilisieren

  • vorsichtige Exposition gegen „Stehen“

Fazit

POTS ist keine seltene, keine eingebildete und keine psychische Krankheit. Es ist eine echte, messbare Funktionsstörung des autonomen Nervensystems, die alle Bereiche des Lebens beeinflussen kann: Kreislauf, Wahrnehmung, Energie, Bewegungsfähigkeit, Temperaturregulation, Aufmerksamkeitssteuerung und Belastbarkeit. Viele Betroffene haben eine jahrelange Leidensgeschichte hinter sich, weil ihre Beschwerden immer wieder als Angst, Stress oder psychosomatisch abgetan werden – obwohl POTS ein klar definiertes, strukturiertes Krankheitsbild ist.

Das Entscheidende ist: POTS ist behandelbar. Nicht über Nacht, nicht mit einem einzigen Medikament, aber sehr gut mit einem Multisystem-Ansatz, der Flüssigkeit, Salz, Bewegung, Nervensystemregulation, Stressmanagement und bei Bedarf medizinische Unterstützung kombiniert. Der Weg führt nicht über Perfektion, sondern über schrittweises Stabilisieren des Systems. Und die allermeisten, die diesen Weg konsequent gehen, erleben über Monate eine deutliche, dauerhafte Besserung.

POTS bedeutet nicht, dass dein Körper „kaputt“ ist. Es bedeutet, dass dein Kreislaufregler falsch eingestellt ist – und Regler kann man neu justieren. Der wichtigste Schritt ist die Diagnose, denn sie gibt dir Verständnis, Sicherheit und einen konkreten Weg vorwärts. Mit diesem Wissen kannst du wieder Kontrolle über deinen Körper gewinnen und den Schwindel beim Aufstehen Schritt für Schritt zurückdrängen.

Zusammenfassung:

  • POTS ist eine Regulationsstörung des autonomen Nervensystems.
  • Beim Aufstehen schießt der Puls an → Herzrasen → Schwindel → Benommenheit → Schwächegefühle.
  • Diagnosekriterien: Herzfrequenzanstieg ≥30 bpm (oder ≥40 bei Jugendlichen) innerhalb von 10 Minuten nach dem Aufstehen.
  • Keine Blutdrucksenkung wie bei „normalem Kreislaufkollaps“.
  • Typisch: Benommenheit, Brain Fog, Erschöpfung, Atemnot, Zittern, Unverträglichkeit von Hitze & langem Stehen.
  • Oft nach Infekten, Stress, Trauma, Operationen oder starker körperlicher Belastung.
  • Behandlung: Flüssigkeit, Salz, Kompressionsstrümpfe, Cardiotraining, Medikamentenoptionen, Nervensystemregulation, Schlaf, Triggermanagement.
  • Prognose: gut – viele verbessern sich stark innerhalb eines Jahres.

Häufige Fragen zu POTS (posturales Tachykardiesyndrom)

POTS ist eine funktionelle Störung des autonomen Nervensystems und eine häufig
übersehene Ursache für Benommenheit, Herzrasen und Erschöpfung.
Die Symptome sind belastend – aber in der Regel nicht gefährlich.

Kann POTS ohne Herzkrankheit auftreten?
Ja. Bei POTS ist das Herz meist völlig gesund.
Das Problem liegt in der Kreislaufregulation.
Ist POTS gefährlich?
In der Regel nein. POTS ist nicht lebensbedrohlich,
kann aber die Lebensqualität stark beeinträchtigen.
Warum habe ich Herzrasen beim Aufstehen?
Beim Aufstehen versackt Blut in den Beinen.
Der Körper kompensiert dies mit einer starken Herzfrequenzsteigerung.
Kann POTS plötzlich entstehen?
Ja. Häufig tritt POTS nach Infekten, langen Stressphasen
oder körperlicher Erschöpfung auf.
Hilft mehr Trinken wirklich?
Ja. Ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist eine der wichtigsten
Basismaßnahmen bei POTS.
Wird POTS im MRT gesehen?
Nein. POTS ist eine funktionelle Störung
und nicht in der Bildgebung sichtbar.
Kann POTS mit Angst verwechselt werden?
Ja, sehr häufig. Die Symptome ähneln Angstreaktionen,
haben aber eine körperliche Ursache.
Was ist Brain Fog?
Brain Fog beschreibt Benommenheit, Konzentrationsstörungen
und das Gefühl von mentaler Blockade.
Warum wird mir in der Dusche schwindelig?
Wärme weitet die Blutgefäße.
Dadurch versackt mehr Blut in den Beinen und der Schwindel nimmt zu.
Kann ich mit POTS Sport machen?
Ja – sehr wichtig sogar.
Langsam beginnen, regelmäßig trainieren und Überforderung vermeiden.
Sind Kompressionsstrümpfe sinnvoll?
Bei vielen Betroffenen ja.
Sie reduzieren das Blutversacken in den Beinen.
Hilft Salz bei POTS?
Ja, wenn ärztlich erlaubt.
Salz erhöht das Blutvolumen und stabilisiert den Kreislauf.
Ist POTS heilbar?
In vielen Fällen ja.
POTS kann sich mit der richtigen Strategie deutlich zurückbilden.
Habe ich POTS, wenn ich oft umkippe?
POTS führt selten zu Ohnmacht.
Typischer sind Benommenheit und Schwäche.
Kann POTS mit Migräne zusammenhängen?
Ja. Migräne und autonome Dysregulation treten häufig gemeinsam auf.
Warum bin ich so erschöpft?
Die ständige Kreislaufkompensation kostet Energie
und führt zu chronischer Erschöpfung.
Kann POTS mit Mastzellproblemen zusammenhängen?
Ja, bei einem Teil der Betroffenen besteht ein Zusammenhang
mit Mastzellaktivierung.
Gibt es Medikamente, die helfen?
Ja. Je nach Ursache können Medikamente sinnvoll sein –
immer individuell ärztlich abgestimmt.
Kann Stress POTS verschlimmern?
Ja, sehr stark.
Stress destabilisiert das autonome Nervensystem zusätzlich.
Was ist der wichtigste erste Schritt?
Diagnose klären, ausreichend Salz und Flüssigkeit zuführen
und langsam mit Bewegung beginnen.

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Philipp Markus Wiedmaier

Zuletzt aktualisiert am 19.01.2026

Autor: Philipp Markus Wiedmaier

Philipp Markus Wiedmaier ist der Gründer von Schwindelhelfer.de und selbst langjährig betroffen von Benommenheitsschwindel (auch bekannt als PPPD). Seit 2018 schreibt er über Symptome, Ursachen und Selbsthilfemethoden.

Sein Buch: Schwindel Helfer – Gemeinsam Schwindelfrei (ISBN: 978-1793479242).

Hinweis: Philipp ist kein Arzt. Die Inhalte beruhen auf eigenen Erfahrungen und ersetzen keine medizinische oder therapeutische Beratung.