27. Januar 2026 Philipp Markus Wiedmaier Lesezeit: 13 Minuten

Warum bleibt der Schwindel nach einem Infekt bestehen – obwohl der Arzt sagt, dass „alles ausgeheilt“ ist und alle Tests normal sind?

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Kurzantwort:

Weil ein Infekt das Gleichgewichtssystem, das autonome Nervensystem und teilweise auch den Kreislauf überreizt. Diese Systeme brauchen viel länger zur Erholung als das Immunsystem. Man ist gesund – aber nicht reguliert.

Für viele ist das Gefühl typisch:

  • „Ich bin nicht krank, aber auch nicht gesund.“

  • „Alles ist stabil – aber nicht wie früher.“

  • „Ich fühle mich unsicher, als würde ich schweben.“

  • „Bewegung, Supermarkt oder Bildschirmarbeit machen es schlimmer.“

  • „Es kommt wellenartig.“

Zusammenfassung:

Die häufigsten Mechanismen für Schwindel nach Infekten:

  1. Überreiztes Gleichgewichtssystem

  2. Vestibuläre Restdysfunktion

  3. Überempfindlicher Hirnstamm

  4. Dysautonomie (autonomes Nervensystem im Alarmmodus)

  5. Kreislaufträgerheit / POTS light

  6. visuelle Reizüberforderung

  7. „Brain Fog“ nach entzündlichen Prozessen

  8. Störung der Atemmechanik

  9. Spannungsanstieg im Nacken

  10. Postvirale Erschöpfung

Diese Kombination erzeugt einen Zustand, der medizinisch völlig real ist – aber diagnostisch fast immer unter dem Radar bleibt.

Schwindel nach Infekte

1. Warum Infekte Schwindel auslösen – selbst nach Genesung

Infekte wirken wie ein „Reset“, aber nicht im positiven Sinn. Sie greifen in drei hochsensible Systeme ein:

  • Gleichgewicht

  • Nervensystem

  • Kreislaufregulation

Diese Systeme benötigen Wochen bis Monate, um sich wieder zu normalisieren.

Was Infekte im Körper auslösen:

  • Entzündungsbotenstoffe → Reizbarkeit der Nerven steigt

  • Flüssigkeitsverlust → Blutvolumen sinkt

  • gestörter Schlaf → Nervensystem überaktiv

  • Atemmuster verändert → Schwindelgefühl

  • weniger Bewegung → Gleichgewicht unterfordert

  • Stress durch Krankheit → sensibler Hirnstamm

Das Ergebnis:
Der Infekt ist weg – das System bleibt instabil.

2. Das Gleichgewichtssystem wird empfindlich – die echte Ursache vieler Symptome

Infekte belasten das vestibuläre System.

Wie?

  • Innenohr entzündet oder irritiert
  • Nervenbahnen gereizt
  • Botenstoffe verändert die Signalverarbeitung
  • Beteiligung der oberen Halswirbelsäule
  • visuelle Verarbeitung überaktiv

Folge:

  • Schwankschwindel
  • Benommenheit
  • instabiles Sehen
  • Übelkeit
  • „Wattegefühl“ im Kopf
  • Reizüberempfindlichkeit in Menschenmengen

Viele erleben:
„Ich sehe normal, aber mein Gehirn kommt nicht hinterher.“

3. Das autonome Nervensystem bleibt im Alarmmodus

Nach einem Infekt bleibt der Sympathikus oft zu lange aktiv.

Symptome:

  • Schwindel beim Aufstehen

  • Herzrasen

  • Brain Fog

  • Druck im Kopf

  • Unruhe

  • schlechte Belastbarkeit

  • Flachatmung

Das nennt man postinfektiöse Dysautonomie – eine echte, körperliche Reaktion, kein psychisches Phänomen.

4. POTS light – die häufigste Form von „Schwindel beim Aufstehen“ nach Infekten

Viele entwickeln eine milde Form von POTS:

  • Beim Aufstehen → Herzrasen

  • Benommenheit

  • Schwarzwerden vor Augen

  • Unruhe

  • weiche Knie

  • Erschöpfung nach warmen Duschen

Warum?

  • Blutvolumen sinkt durch Fieber & Schwitzen

  • Gefäße reagieren träger

  • Nervensystem überreizt

5. Reizüberflutung – der Supermarkt wird zum Problem

Viele fühlen sich nach Infekten in:

  • Supermärkten

  • Menschenmengen

  • visuellen Umgebungen

  • bei schnellen Bewegungen

überfordert.

Warum?

Der Hirnstamm ist nach Infekten hypersensibel.
Das macht das Gleichgewichtssystem anfälliger.

6. Brain Fog – das unsichtbare Symptom

Viele berichten:

  • „Ich fühle mich wie betrunken, aber klar.“

  • „Mein Kopf ist irgendwie schwer.“

  • „Ich kann mich nicht konzentrieren.“

Das liegt an:

  • veränderter Durchblutung

  • niedriger Energieverfügbarkeit

  • postinflammatorischen Prozessen

  • Nervensystemüberlastung

7. Atemmechanik – unterschätzter Schwindeltrigger

Nach Infekten ist die Atmung oft:

  • flach

  • zu schnell

  • angespannt

  • unregelmäßig

Das führt zu:

  • Benommenheit

  • Druck im Kopf

  • Schwindel bei Belastung

  • Schwächegefühl

8. Nackenverspannung – ein weiterer Auslöser

Infekte + Bettruhe + Schonhaltung → verspannter Nacken.

Der Nacken steuert Gleichgewichtsreize.
Ein verspannter Nacken → verstärkte Fehlsignale.

9. „Warum sieht man nichts im MRT?“ – die häufigste Frage

Ganz einfach:

  • Infekte hinterlassen funktionelle Spuren

  • keine strukturellen

MRT erkennt:

  • Tumore

  • Blutungen

  • Schäden

Aber nicht:

  • Nervensystemüberreizbarkeit

  • Dysautonomie

  • Gleichgewichtsinstabilität

  • visuelle Überlastung

  • Migräneähnliche Restzustände

Darum ist „alles normal“, obwohl etwas nicht normal funktioniert.

10. Wie lange dauert Schwindel nach Infekten?

Typische Erholungszeiträume:

  • milde Fälle: 2–6 Wochen

  • moderate Fälle: 6–12 Wochen

  • schwere Fälle: 3–12 Monate

Einige erleben wellenartige Rückfälle, besonders nach:

  • Stress

  • Schlafmangel

  • Alkohol

  • Überanstrengung

  • Bildschirmarbeit

  • Reisen

11. Warum Long Covid so oft Schwindel macht

Long Covid ist im Grunde ein verstärkter Version derselben Mechanismen:

  • autonomes Nervensystem dysreguliert
  • Gefäße reaktiv
  • Gleichgewicht überempfindlich
  • Atemmechanik verändert
  • hoher Entzündungsstatus
  • Energiestoffwechsel schwach

Aber selbst nicht-Covid-Infekte können sehr ähnliche Effekte machen.

12. Therapie – Was wirklich hilft

1) Flüssigkeit

2–3 Liter am Tag (nach ärztlicher Rücksprache).

2) Salz

Stabilisiert Blutvolumen.

3) leichte Bewegung

Sanft. Häufig. Nicht übertreiben.

4) Atemtraining

Langsam, tief, regulierend.

5) visuelle Exposition

Langsam steigern, nicht vermeiden.

6) Schlafhygiene

Heilt das Nervensystem.

7) Stressregulation

Sympathikus herunterfahren.

8) Vitamin-Check

Vitamin D, B12, Eisen.

9) vestibuläres Training

Sehr wirksam bei Restinstabilität.

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Fazit

Schwindel nach Infekten gehört zu den häufigsten, aber am wenigsten verstandenen Beschwerden in der Allgemeinmedizin. Viele Menschen sind nach einem Virus nicht mehr „krank“, aber auch nicht mehr stabil. Das Gleichgewichtssystem ist gereizt, das autonome Nervensystem überaktiv, der Kreislauf träge, die Atmung verändert. Diese Kombination erzeugt genau jene Benommenheit, Unsicherheit und Schwanksymptomatik, die Betroffene so belastet.

Wichtig ist: Das ist kein Einbildung, keine Schwäche, kein psychisches Problem – es ist eine biologische Reaktion eines Systems, das noch nicht vollständig regeneriert ist. Und genauso wie ein Muskel nach einer Verletzung Zeit braucht, braucht das Nervensystem Zeit, Bewegung und richtige Signale, um wieder stabil zu werden.

Die meisten erleben eine klare Besserung, sobald sie verstehen, was passiert – und ihr Verhalten entsprechend anpassen. Schwindel nach Infekten ist in der Regel vorübergehend, aber nicht passiv. Wer aktiv gegensteuert, kommt schneller wieder in sein Gleichgewicht zurück. Und genau dafür ist dieser Artikel da: um deinem Körper ein neues Gleichgewicht beizubringen.

Häufige Fragen zu Schwindel nach Infekten

Viele Menschen entwickeln Schwindel, Benommenheit oder Unsicherheit nach Infekten.
Ursache ist meist keine strukturelle Schädigung, sondern eine vorübergehende
Fehlregulation des Nervensystems.

Kann ein Infekt Schwindel verursachen?
Ja. Virus- oder bakterielle Infekte können das Gleichgewichts- und Nervensystem
nachhaltig irritieren.
Wie lange hält Schwindel nach einem Infekt an?
Häufig Wochen, manchmal Monate. Die Dauer hängt von Belastung, Stress
und Regeneration ab.
Warum ist der Schwindel wellenartig?
Das Nervensystem reguliert sich schrittweise – gute und schlechte Phasen
wechseln sich ab.
Warum wird mir beim Aufstehen schwindelig?
Oft liegt eine leichte Kreislauf-Dysregulation („POTS light“) vor.
Warum macht der Supermarkt nach Infekten Probleme?
Visuelle Reizüberflutung überfordert ein noch sensibles Gleichgewichtssystem.
Ist Schwindel nach Infekten gefährlich?
In den allermeisten Fällen nein. Er ist unangenehm, aber selten bedrohlich.
Kann man das messen?
Nur funktionell, z.B. über Kreislauf-, Atem- oder Belastungstests –
nicht im MRT.
Hilft Bewegung bei postinfektiösem Schwindel?
Ja. Moderate, regelmäßige Bewegung unterstützt die Normalisierung
des Nervensystems.
Hilft Salz?
Oft ja. Salz stabilisiert Kreislauf und Blutvolumen.
Kann der Schwindel zusätzlich vom Nacken kommen?
Ja. Infekte führen häufig zu Schonhaltung und Muskelverspannungen.
Warum fühlt sich alles so unwirklich an?
Der Hirnstamm ist überreizt – Wahrnehmung wird gedämpft
(Derealisation).
Kommt das von Long Covid?
Ja, das ist möglich. Long Covid zeigt häufig funktionelle
Nervensystemstörungen.
Hilft Ausruhen?
Kurzfristig ja – langfristig verzögert zu viel Schonung
die Erholung.
Hilft Training?
Langfristig sehr. Sanftes Ausdauer- und Gleichgewichtstraining
ist entscheidend.
Kann das psychisch sein?
Die Ursache ist biologisch – Stress und Angst können die Symptome
jedoch verstärken.
Hilft Atemtraining?
Ja. Ruhige, langsame Atmung beruhigt das autonome Nervensystem.
Kommt der Schwindel wieder?
Manchmal ja – meist aber schwächer und kürzer als zuvor.
Muss man damit zum Arzt?
Ja, besonders bei Unsicherheit oder neuen neurologischen Symptomen.
Warum sieht man im MRT nichts?
Weil es sich um einen funktionellen Prozess handelt,
nicht um eine strukturelle Schädigung.
Was ist der wichtigste Schritt bei Schwindel nach Infekten?
Das Nervensystem beruhigen – und gleichzeitig wieder in
sanfte Bewegung kommen.

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Philipp Markus Wiedmaier

Zuletzt aktualisiert am 19.01.2026

Autor: Philipp Markus Wiedmaier

Philipp Markus Wiedmaier ist der Gründer von Schwindelhelfer.de und selbst langjährig betroffen von Benommenheitsschwindel (auch bekannt als PPPD). Seit 2018 schreibt er über Symptome, Ursachen und Selbsthilfemethoden.

Sein Buch: Schwindel Helfer – Gemeinsam Schwindelfrei (ISBN: 978-1793479242).

Hinweis: Philipp ist kein Arzt. Die Inhalte beruhen auf eigenen Erfahrungen und ersetzen keine medizinische oder therapeutische Beratung.