24. November 2020 Philipp Markus Wiedmaier Lesezeit: 10 Minuten

Vestibularisparoxysmie: Woher sie kommt, wie sie sich äußert, was dagegen hilft

Sowohl Diagnose als auch Therapie erfordern Erfahrung von ärztlicher Seite und Geduld von denen, die unter dieser Krankheit leiden. Das ist im Allgemeinen bei neurologischen Symptomen so, denn die Funktionsweise des Nervensystems ist hochkompliziert und noch immer nicht in allen Einzelheiten erforscht.

Vestibularisparoxysmie Schwindel

Definition: Was ist Vestibularisparoxysmie überhaupt und was unterscheidet sie von anderen Formen des Schwindels?

Es handelt sich bei dieser eher seltenen Fehlsteuerung um eine nicht dauerhafte, sondern anfallsartig (paroxysmal) einsetzende Störung des vestibulären Systems, das für den Gleichgewichtssinn sorgt. Das im Innenohr angesiedelte Vestibularorgan gehört dazu, weiter der Gleichgewichtsnerv und die Nervenbahnen, die Impulse ans Gehirn weiterleiten. Vestibularisparoxysmie äußert sich in den meisten Fällen durch Drehschwindel oder Schwankschwindelattacken, durch Missempfindungen, die an Karussellfahren erinnern bzw. an das Gefühl, sich in einem wackeligen Boot zu befinden. Diese Anfälle dauern typischerweise Sekunden, seltener Minuten. Sie können bis zu dreißigmal täglich in kurzen zeitlichen Abständen einsetzen und schon deshalb sehr belastend sein. Gelegentlich gehen sie mit Tinnitus einher (klingelnden oder sausenden Ohrgeräuschen, die auf keine äußere akustische Quelle zurückzuführen sind), manchmal auch mit Hörminderung, Benommenheit, Panikzuständen und Verspannungen.

Ursachen: Woher kommen und wie entstehen die Beschwerden?

Nach bisherigem Kenntnisstand übt ein Blutgefäß in der Nähe des Gleichgewichtsnervs Druck auf ihn aus, indem diese Ader ihre Lage oder Form verändert, sich erweitert oder heftiger pulsiert.
Störungen des Blutdruckes, vor allem Hypertonie in fortgeschrittenem Alter, können schuld daran sein, aber auch Arteriosklerose, also die sogenannte Arterienverkalkung.
Gefäßanomalien, die solche Symptome verursachen, sind schon in jüngeren Jahren möglich.

Symptome: Wie äußert sich Vestibularisparoxysmie?Vestibularisparoxysmie Schwindelattacken

Kopfbewegungen lösen Dreh- oder Schwankschwindel aus. Manchmal geschieht es durch Hyperventilation. Diese beschleunigte und zu heftige Atmung kann körperlichen und auch psychischen Hintergrund haben. Bewegungen des Kopfes und vertieftes, schnelles Luftholen werden bei bestimmten Untersuchungen provoziert, um die Reaktion der unter Schwindel Leidenden als diagnostische Möglichkeit zu nutzen. Nystagmus (Augenzittern) erhärtet den Verdacht auf Vestibularisparoxysmie.

Diagnose: Wie wird die Erkrankung festgestellt?

Fachärztinnen und -ärzte für Hals-Nasen-Ohren-Beschwerden, für Orthopädie, für Neurologie/Psychiatrie, Kardiologie und für Augenkrankheiten werden oft hinzugezogen. Die Hausarztpraxis überweist auch zu einer Internistin oder einem Internisten. Leider lassen sich diese Besuche in den unterschiedlichsten Spezialpraxen nicht vermeiden. Eine Schwindelambulanz vereinfacht das Vorgehen und erspart Kranken viele Wege, aber es dauert oft mehrere Monate, einen Termin zu bekommen, wenn man kein Vermögen ausgeben möchte. Ebenso lange braucht es, die einzelnen Untersuchungen bei den verschiedenen Spezialisten machen zu lassen.

Die Unterscheidung von anderen Formen des Schwindels ist nicht leicht. Die Diagnose gilt als gesichert, wenn die Symptome mehr für Vestibularisparoxysmie sprechen als für andere Gesundheitsprobleme, die mit Schwindel einhergehen. Hör- und Gleichgewichtstests werden durchgeführt, bildgebende Verfahren angewandt. Ein Schlaganfall muss ausgeschlossen werden. Nystagmus bei bestimmten Bewegungen, vor allem aber bei Hyperventilation, weist auf die Wahrscheinlichkeit einer Vestibularisparoxysmie hin, wie bereits erwähnt.

In der HNO-Praxis wird der Gleichgewichtssinn überprüft, indem Wasser unterschiedlicher Temperaturen in die Ohren gegeben wird. Kardiologische Diagnoseverfahren beinhalten EKG und Ultraschall, die wenigstens nicht unangenehm sind. Um orthopädische Ursachen auszuschließen, werden Röntgen- und MRT-Untersuchungen gemacht. Letztere gehören auch zur neurologischen Spurensuche, allerdings liegt dort das Augenmerk auf anderen krankhaften Veränderungen, die den Verdacht stützen: Der Kontakt von Nerv und Gefäß wird sichtbar.

Einen Einzelbefund, der einen eindeutigen Beweis liefert, gibt es nicht. Nach den üblichen Tests erfolgt oftmals versuchsweise die Gabe eines Therapeutikums, das bei dieser Erkrankung gute Erfolge zeigt. Tritt schnell eine Besserung ein, spricht das für die Richtigkeit der Vermutung.

Therapie: Was tun bei Vestibularisparoxysmie?

Medikamente und begleitende Maßnahmen werden oft verschrieben. Auch hier benötigen Betroffene Durchhaltevermögen und Langmut.
Das Antiepileptikum Carbamazepin/Oxcarbazepin (ein Arzneimittel, das bei Anfallsleiden verordnet wird) hat sich nicht nur zur Diagnose, sondern auch zur Behandlung der Vestibularisparoxysmie bewährt. Gabapentin, das außerdem auch bei Neuropathien (Nervenschmerzen) Anwendung findet, ist eine Alternative. Ein weiteres Antiepileptikum und Mittel gegen Herzrhythmusstörungen, Phenytoin, kommt ebenfalls in Frage. Valproat hingegen ist reich an Nebenwirkungen und wird einzig und allein mit großer Vorsicht ärztlich angeordnet.

Physiotherapie oder Osteopathie sind empfehlenswert, wenn nicht sogar unverzichtbar. Das Gehirn speichert Bewegungsabläufe ab und lernt neue Kombinationen. Das gelingt nicht ohne Bereitschaft zur aktiven Mitarbeit der Patientinnen und Patienten.

Auch und vor allem der Gleichgewichtssinn wird durch geeignete Übungen trainiert. Um Hyperventilation, Verspannungen, Angst und Panik entgegenzuwirken haben wir Übungen zusammengestellt:

Schwindel Übungen

Entspannungstechniken tragen dazu bei, Stress abzubauen, genau wie Ausdauersport, zum Beispiel Laufen, Radfahren oder geeignetes Training im Fitnessstudio.

Psychotherapie hilft, mit Belastungen besser umzugehen und die Krankheitsbewältigung zu unterstützen. In vielen Fällen ist Verhaltenstherapie förderlich. Sie setzt einen Lernprozess in Gang, zeigt Wege zur Überwindung von Angst und Panik auf und übt sie ein. Das Vermeiden von Situationen, die vielfach als Schwindelattacken auslösend erlebt werden, soll so verlernt und durch gelasseneres Verhalten ersetzt werden.

Falls alle genannten Behandlungsmethoden keine Besserung bewirken, kann ein chirurgischer Eingriff den notwendigen Abstand zwischen Gleichgewichtsnerv und Arterie wieder herstellen.

In unserem Newsletter findest Du viele weitere Tipps, was Betroffenen bei Schwindelattacken, Angst & Panik geholfen hat.

Unterscheidung: Abgrenzung von anderen Formen des Schwindels

Es gibt außer der Vestibularisparoxysmie zahlreiche andere anfallsartig auftretende oder dauerhafte Arten der subjektiven Empfindung, dass die gesamte Umgebung schwankt, sich dreht oder sich auf- und abwärts bewegt. Einige sollen hier kurz erwähnt werden, ohne dass Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden kann.

Gutartiger Lagerungsschwindel kommt sehr häufig vor. Er heißt so, weil sich für einige Sekunden Drehschwindelanfälle einstellen, wenn sich die Position des Kopfes ändert, etwa beim Hinlegen, beim Herumdrehen im Bett oder beim Aufstehen. Dieser Schwindels tritt vermehrt im höheren Lebensalter auf und ist einfach zu beheben, wenn er nicht sogar von selbst wieder verschwindet. Kleine Steinchen lagern sich im Innenohr ab und sind zuverlässig mithilfe schneller Lagerungsänderungen des Oberkörpers zu entfernen. Oft reicht dazu eine einzige kurze Behandlung aus.

Für Dreh- oder Schwankschwindel werden mitunter auch Entzündungsprozesse im Gehirn verantwortlich gemacht.

Ebenso ist es möglich, dass ein Schädeltrauma Schwindel verursacht.

Sehr unangenehme Folgen hat eine Neuritis vestibularis, also eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs. Sie führt zu tage- oder wochenlangem ständigem Drehschwindel vor allem in Ruhe, begleitet von Übelkeit und Angst. Bis zu fünf Wochen kann dieser Zustand anhalten.

Morbus Menière geht gewöhnlich nicht nur mit Dreh- und Schwank-, sondern auch mit Liftschwindel einher, mit dem Gefühl, wie in einem Aufzug in die Höhe oder Tiefe gezogen zu werden. Übelkeit, Tinnitus und verminderte Hörfähigkeit gehören auch zu diesem Krankheitsbild. Die Anfälle dauern Stunden und nicht nur Sekunden oder Minuten wie bei der Vestibularisparoxysmie.

Das Canvas-Syndrom ist eine sehr komplexe Erkrankung nicht nur des Gleichgewichtsorgans, sondern unter anderem des Kleinhirns.

Auch Mittel- oder Innenohrentzündung, bestimmte Ausprägungen von Migräne, Durchblutungsstörungen, Schlaganfälle, Blutdruckabfall ebenso wie Bluthochdruck, Funktionsstörungen des zentralen Nervensystems wie Parkinson oder Multiple Sklerose können Schwindel auslösen. Über- oder Unterzuckerung kann der Grund sein, und auch psychischen Ursachen muss nachgegangen werden (siehe phobischer Schwankschwindel).

Weitere mögliche Ursachen für Schwindel findest du hier.

Zusammenfassung

Vestibularisparoxysmie ist eine eher selten auftretende Beeinträchtigung, die als schwerwiegend empfunden wird und eine massive Einschränkung der Lebensqualität bedeutet, vor allem, solange noch keine Diagnose erfolgt und keine Therapie eingeleitet ist. Die Erkrankung wird medikamentös und mit flankierenden Maßnahmen behandelt. Bewegung, gesunde Ernährung, ausreichend Entspannung, Ruhe und Schlaf fördern den Heilungsprozess ebenso wie Psychohygiene und Verzicht auf Genussgifte.

Häufige Fragen zur Vestibularisparoxysmie

Die Vestibularisparoxysmie ist eine eher seltene Ursache für kurze, anfallsartige Schwindelattacken.
Typisch sind viele kleine Episoden (Sekunden, seltener Minuten), die teils durch Kopfbewegungen oder
Hyperventilation getriggert werden. Weil die Abgrenzung zu anderen Schwindelformen schwierig ist,
braucht es häufig eine strukturierte Diagnostik – und manchmal auch einen Therapieversuch.

Was ist eine Vestibularisparoxysmie – kurz erklärt?
Vestibularisparoxysmie ist eine anfallsartige Störung des Gleichgewichtssystems (Innenohr,
Gleichgewichtsnerv, Weiterleitung ans Gehirn). „Paroxysmal“ heißt: Die Beschwerden kommen attackenartig
und sind nicht dauerhaft. Viele Betroffene erleben Drehschwindel oder Schwankschwindel
in sehr kurzen Episoden.
Wie fühlen sich die Attacken typischerweise an?
Häufig wird es als plötzlicher Dreh- oder Schwankschwindel beschrieben – wie Karussellfahren oder
wie „Boot“. Typisch ist die kurze Dauer: meist Sekunden, seltener Minuten.
Manche berichten zusätzlich über Tinnitus, Hörminderung, Benommenheit,
Panik oder Verspannungen – vor allem, weil die Attacken so unvermittelt kommen.
Wie oft kann so eine Attacke pro Tag auftreten?
Das ist individuell sehr unterschiedlich. In der Beschreibung dieser Erkrankung werden teilweise sehr häufige
Attacken erwähnt – auch mehrfach am Tag und in manchen Fällen sehr viele Episoden in kurzen Abständen.
Genau diese Häufung bei gleichzeitig kurzer Dauer ist ein Merkmal, das Ärztinnen und Ärzte auf die Spur bringen kann.
Was sind typische Trigger (Auslöser) bei Vestibularisparoxysmie?
Häufig genannt werden Kopfbewegungen und teils Hyperventilation (zu schnelles/zu tiefes Atmen).
In Untersuchungen kann man bestimmte Bewegungen oder das schnelle Atmen gezielt provozieren, um Hinweise zu bekommen.
Ein möglicher Befund ist Nystagmus (Augenzittern), der den Verdacht stützen kann.
Was gilt als mögliche Ursache – und was hat ein Blutgefäß damit zu tun?
Nach gängiger Erklärung kann ein Gefäß-Nerven-Kontakt eine Rolle spielen: Ein Blutgefäß in der Nähe
des Gleichgewichtsnervs übt Druck/Reizung aus (z. B. durch Lage, Erweiterung oder Pulsation). Als begünstigende Faktoren
werden u. a. Blutdruckprobleme oder Arteriosklerose genannt – Gefäßanomalien können
aber auch in jüngeren Jahren vorkommen.
Wie wird Vestibularisparoxysmie diagnostiziert?
Meist braucht es eine Kombination aus Anamnese (Attackenprofil: sehr kurz, häufig, Trigger),
Hör- und Gleichgewichtstests sowie bildgebender Diagnostik. In der Abklärung sind oft
HNO, Neurologie und ggf. Kardiologie beteiligt. Eine Schwindelambulanz kann helfen, die Diagnostik zu bündeln.
Wichtig ist auch das Ausschließen anderer Ursachen (z. B. Schlaganfall, Entzündungen, andere Innenohrprobleme).
Gibt es einen eindeutigen „Einzeltest“, der es sicher beweist?
Häufig leider nicht. Es gibt eher Hinweise, die zusammenpassen müssen. In manchen Fällen wird zusätzlich
ein Therapieversuch genutzt: Wenn ein typisches Medikament schnell hilft, kann das die Verdachtsdiagnose stützen.
Das ersetzt keine sorgfältige Abklärung, kann aber in der Praxis relevant sein.
Welche Medikamente werden typischerweise eingesetzt?
Häufig genannt werden Carbamazepin oder Oxcarbazepin (aus dem Bereich der Antiepileptika).
Als Alternativen kommen je nach Situation auch Gabapentin oder Phenytoin in Frage.
Die Auswahl und Dosierung gehört unbedingt in ärztliche Hand – auch wegen möglicher Nebenwirkungen und Wechselwirkungen.
Was kann ich zusätzlich zu Medikamenten tun?
Häufig sinnvoll sind Gleichgewichtsübungen (vestibuläre Übungen), Bewegung und
Entspannung, weil Angst, Hyperventilation und Verspannungen die Gesamtsymptomatik verstärken können.
Physiotherapie oder osteopathische/manueltherapeutische Maßnahmen können hilfreich sein, wenn Verspannungen und Fehlbelastungen
mit im Spiel sind. Ziel ist, das System zu stabilisieren und die „Angst-Spannungs-Schwindel“-Spirale zu entschärfen.
Wie grenzt man Vestibularisparoxysmie von Lagerungsschwindel oder Morbus Menière ab?
Ein grober Anhaltspunkt ist die Dauer und das Attackenprofil:
Vestibularisparoxysmie: meist sehr kurze Attacken (Sekunden, seltener Minuten), teils sehr häufig.
Lagerungsschwindel: typischerweise kurz, aber klar an Lagewechsel gebunden.
Morbus Menière: Attacken dauern oft stundenlang und gehen häufig mit Hörproblemen/Tinnitus einher.
Die sichere Abgrenzung gehört dennoch in eine fachärztliche Diagnostik.
Wann sollte ich sofort ärztliche Hilfe suchen?
Wenn Schwindel zusammen mit neurologischen Ausfällen (z. B. Lähmungen, Sprachstörungen, neue starke Sehstörungen),
Brustschmerzen, starker Atemnot, plötzlichen starken Kopfschmerzen,
oder Ohnmacht auftritt, sollte das akut abgeklärt werden. Auch bei deutlicher Hörminderung oder starken,
neuartigen Ohrsymptomen ist eine zeitnahe Untersuchung sinnvoll.

Philipp Markus Wiedmaier

Zuletzt aktualisiert am 08.01.2026

Autor: Philipp Markus Wiedmaier

Philipp Markus Wiedmaier ist der Gründer von Schwindelhelfer.de und selbst langjährig betroffen von Benommenheitsschwindel (auch bekannt als PPPD). Seit 2018 schreibt er über Symptome, Ursachen und Selbsthilfemethoden.

Sein Buch: Schwindel Helfer – Gemeinsam Schwindelfrei (ISBN: 978-1793479242).

Hinweis: Philipp ist kein Arzt. Die Inhalte beruhen auf eigenen Erfahrungen und ersetzen keine medizinische oder therapeutische Beratung.