Kann man Migräne haben – mit Schwindel, Benommenheit, Sehstörungen – aber ohne Kopfschmerzen?
Kurzantwort:
Ja. Und es ist eine der häufigsten Fehldiagnosen bei unklarem Schwindel.
Die vestibuläre Migräne ist eine Form der Migräne, bei der Schwindel das Leitsymptom ist – nicht Kopfschmerz. Viele Patienten hören deshalb über Jahre Sätze wie:
- „Das kommt vom Nacken.“
- „Das ist Stress.“
- „Da ist nichts – vielleicht psychisch?“
- „Alle Befunde sind normal.“
Und doch sind die Symptome extrem real:
- Benommenheit
- Dreh- oder Schwankschwindel
- Unwirklichkeitsgefühl
- Lichtempfindlichkeit
- Sehstörungen
- Druck im Kopf
- Geräusch- und Reizempfindlichkeit
- Tinnitus
- Standunsicherheit
- Angstzustände
Vestibuläre Migräne ist funktionell, nicht strukturell.
Darum sieht man sie auf MRT, CT, Blutwerten nicht.
Überblick
- Vestibuläre Migräne = Migräneform, bei der Schwindel im Vordergrund steht.
- Muss nicht mit Kopfschmerzen verbunden sein.
- Häufigste Ursache für wiederkehrenden Schwindel bei Erwachsenen.
- Symptome reichen von Benommenheit bis zu stundenlangem Drehschwindel.
- Auslöser: Stress, Schlafmangel, Hormone, Wetter, Bildschirmarbeit, Ernährung, visuelle Reize.
- Diagnostik ist klinisch – es gibt keinen einzelnen Labortest.
- Behandlung: Triggermanagement, Medikamentöse Optionen, Lebensstil, vestibuläres Training, Nervensystemregulation.
- Prognose: meist gut, wenn Ursache erkannt wird.
1. Was ist vestibuläre Migräne?
Es handelt sich um eine Migränevariante, bei der das Gleichgewichtssystem beteiligt ist. Betroffene haben:
- Schwindelattacken
- Benommenheit
- instabiles Sehen
- oft Überempfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen und Bewegung
👉 aber keine oder kaum Kopfschmerzen
Die vestibuläre Migräne ist:
- häufig (bis zu 1 % der Bevölkerung)
- unterdiagnostiziert
- sehr quälend im Alltag
Sie kann wie:
- Innenohrstörung
- Panikstörung
- Nackenschwindel
- Kreislaufproblem
- neurologische Erkrankung
wirken – ist aber eine Funktionsstörung der neuronalen Netzwerke, nicht ein struktureller Schaden.
2. Typische Symptome (in allen Varianten)
2.1 Schwindelvarianten
- Drehschwindel (Karussell)
- Schwankschwindel (wie auf einem Schiff)
- Benommenheit (Wattegefühl)
- Gangunsicherheit
- Standunsicherheit
- optischer Schwindel (visuell ausgelöst)
Attacken können dauern:
- Sekunden
- Minuten
- Stunden
- oder Tage (selten)
2.2 Visuelle Symptome
- Lichtempfindlichkeit
- bewegte Muster triggern Schwindel (z. B. Rolltreppen, Supermarktregale)
- Probleme, den Blick zu stabilisieren
- Flimmern
- verschwommenes Sehen
2.3 Körperliche Begleiterscheinungen
- Druck im Kopf
- Ohrendruck
- Tinnitus
- Geräuschempfindlichkeit
- Übelkeit
- starke Erschöpfung
- Nackenverspannung (häufig reaktiv)
2.4 Emotionale & Wahrnehmungsreaktionen
- innere Unruhe
- Angst, besonders vor erneuten Attacken
- Derealisation bei starken Attacken
- Vermeidungsverhalten
3. Warum man vestibuläre Migräne nicht im MRT sieht
Migräne ist keine strukturelle Schädigung des Gehirns, sondern eine Fehlregulation von:
- Nervenzellnetzwerken
- Reizverarbeitung
- Gefäßregulation
- Botenstoffen
- Wahrnehmungssystemen
MRT/CT zeigen:
- Tumore
- Blutungen
- massive Entzündungen
- strukturelle Schäden
Sie zeigen nicht:
- neuronale Übererregbarkeit
- veränderte Signalverarbeitung
- Reizfilterstörungen
- Fehlanpassungen der Gleichgewichtskerne
- funktionelle neuronale Aktivität
Darum sind bildgebende Verfahren meist unauffällig – und trotzdem sind die Symptome maximal real.
4. Was passiert im Gehirn bei vestibulärer Migräne?
4.1 Übererregtheit des Nervensystems
Migränepatienten haben ein sensibilisiertes Gehirn, das schneller und stärker auf Reize reagiert:
- Licht
- Bewegung
- Stress
- Hormone
- visuelle Muster
4.2 Fehlregulation der Gleichgewichtskerne
Der Hirnstamm (insbesondere die vestibulären Kerne) verarbeitet Bewegung und Gleichgewicht. Bei Migräne:
- werden diese Kerne überaktiv
- reagieren überempfindlich
- geben falsche oder verstärkte Signale
→ Ergebnis: Schwindel ohne Innenohrerkrankung
4.3 Cortical Spreading Depression (CSD)
Eine wandernde Welle neuronaler Aktivitätsveränderung – typisch bei Migräne.
Doch bei vestibulärer Migräne betrifft sie Regionen, die:
- Gleichgewicht
- Raumwahrnehmung
- Blickstabilisation
steuern – nicht die Schmerzverarbeitung.
Darum:
Schwindel ja, Kopfschmerz nein.
5. Typische Trigger – was Attacken auslöst
Dies ist einer der wichtigsten Abschnitte.
5.1 Stress (akut & chronisch)
Einer der stärksten Trigger überhaupt.
5.2 Schlafmangel / unregelmäßiger Schlaf
Zu wenig Schlaf = höheres Migräne-Risiko.
Zu viel Schlaf = ebenfalls triggernd.
5.3 Hormone
Vor allem:
- Zyklus
- Pillenwechsel
- Schwangerschaft
- Wechseljahre
5.4 Wetter
Schnelle Wechsel von:
- Luftdruck
- Temperatur
- Luftfeuchtigkeit
5.5 Ernährung
Kann, muss aber kein Trigger sein:
- Rotwein
- Schokolade
- gereifte Käse
- Glutamat
- Konservierungsstoffe
- Histaminreiche Lebensmittel
5.6 Bildschirmarbeit
Besonders:
- flackerndes Licht
- Muster
- lange Kopfhaltearbeit
- schnelle Visuals
- VR / Gaming
5.7 Bewegung & visuelle Reize
Beispiele:
- Supermarktgänge
- Rolltreppen
- Autofahren als Beifahrer
- Menschenmengen
- flackernde LED-Lichter
Viele Betroffene wissen jahrelang nicht, warum der Supermarkt so schlimm ist.
Hier liegt oft die Ursache.
6. Abgrenzung zu anderen Schwindelformen
Vestibuläre Migräne vs. BPPV
- BPPV = sehr kurzer Drehschwindel (Sekunden), lageabhängig
- Vestibuläre Migräne = länger anhaltend, oft unspezifisch
Vestibuläre Migräne vs. Morbus Menière
- Menière = Hörverlust + Druckgefühl + Tinnitus + starker Drehschwindel
- Vestibuläre Migräne = keine dauerhafte Innenohrschädigung
Vestibuläre Migräne vs. Angstschwindel
- Angstschwindel = oft Benommenheit + Atemveränderung
- Vestibuläre Migräne = mehr visuelle Trigger & typische Migränegeschichte
Vestibuläre Migräne vs. Nackenschwindel
- Nackenschwindel stärker bewegungsgetriggert
- Migräne stärker reizgetriggert
7. Diagnostik – wie wird vestibuläre Migräne festgestellt?
Wichtig: Es gibt keinen Test, der die Diagnose beweist.
Diagnose = Kombination aus:
- Symptomen
- Attackenhäufigkeit
- Migräneanamnese (selbst wenn früher nur Kopfschmerzen da waren)
- Ausschluss anderer Ursachen
Typische diagnostische Merkmale
- mindestens 5 Attacken
- Schwindel (Beliebige Art) 5 Minuten bis 72 Stunden
- mindestens ein Migräne-typisches Symptom:
- Lichtempfindlichkeit
- Geräuschempfindlichkeit
- visuelle Aura
- migräneartige Kopfschmerzen (selbst mild)
- häufig Migräne in der Familie
Wichtig: Manche Patienten haben nie Kopfschmerzen – und trotzdem vestibuläre Migräne.
8. Therapie & langfristige Strategien
Die gute Nachricht:
Vestibuläre Migräne ist behandelbar.
Nicht durch ein „Wundermittel“, sondern durch Kombinationstherapie.
8.1 Vermeidung großer Trigger
Beispiele:
- regelmäßiger Schlaf
- Stressmanagement
- Lichtmanagement
- Pausen bei Bildschirmarbeit
8.2 Medizinische Behandlung
Akut:
- Triptane
- Antiemetika
Prophylaxe:
- Betablocker
- Antikonvulsiva
- Antidepressiva
- CGRP-Antikörper
- Magnesium, Vitamin B2 (Riboflavin), Coenzym Q10
- manchmal auch niedrig dosierte SSRI/SNRI
8.3 Vestibuläres Training
Fördert:
- Blickstabilisation
- Bewegungstoleranz
- Sensorische Integration
8.4 Nervensystem-Regulation
- Atemarbeit
- somatische Techniken
- Stressabbau
- Pausenrituale
Fazit
Vestibuläre Migräne ist eine der am meisten verkannten Ursachen für wiederkehrenden Schwindel. Sie wird oft erst spät diagnostiziert, weil das Bild völlig anders ist als die klassische Migräne mit Kopfschmerz. In vielen Fällen denken Betroffene jahrelang, sie hätten eine Innenohrerkrankung, ein Nackenproblem, einen psychischen Zusammenbruch oder etwas neurologisch Schwerwiegendes. Doch das Gehirn ist nicht beschädigt – es ist sensibilisiert.
Diese Form der Migräne betrifft nicht den Schmerzbereich, sondern die Verarbeitung von Gleichgewicht, visuellem Input und Raumwahrnehmung. Und genau deshalb wirkt die Welt manchmal seltsam, zu hell, zu laut, zu schnell – und der eigene Körper wie nicht ganz stabil. Die Attacken können extrem belastend sein, aber sie bedeuten nicht, dass etwas Zerstörerisches passiert.
Wenn du erkennst, was hinter deinen Symptomen steckt, verschiebst du das ganze Bild. Du hörst auf zu denken, dass du „umfallen wirst“, „einen Tumor hast“ oder dass der Schwindel „für immer bleibt“. Du beginnst zu verstehen, dass dein Gehirn überreagiert, nicht kollabiert. Und diese Perspektive verändert alles – denn ein überempfindliches System kann man beruhigen, trainieren und stabilisieren.
Die Kombination aus Triggerkontrolle, stabilen Alltagsroutinen, vestibulärem Training und – wenn nötig – medizinischer Unterstützung kann enorm helfen. Viele Menschen, die jahrelang von Ärzten zu Ärzten gingen, erleben erstmals eine echte Besserung, wenn sie die richtige Diagnose erhalten. Und das Wichtigste: Die Prognose ist gut. Auch wenn es ein langer Weg sein kann, ist dieser Zustand nicht das Ende – sondern ein Prozess, in dem du lernen kannst, dein Nervensystem zu verstehen und zu steuern.
Häufige Fragen zur vestibulären Migräne
Vestibuläre Migräne wird häufig übersehen, weil sie sich oft ohne klassischen Kopfschmerz äußert.
Die folgenden Fragen und Antworten helfen dir, die Symptome besser einzuordnen und zu verstehen,
warum sich alles so intensiv, aber gleichzeitig „unsichtbar“ anfühlt.
Kann vestibuläre Migräne ohne Kopfschmerz auftreten?
Benommenheit oder visuelle Überforderung – ganz ohne Kopfschmerzen.
Wie fühlt sich vestibuläre Migräne an?
Druck im Kopf, innere Unruhe oder das Gefühl „neben sich zu stehen“.
Wie lange dauert eine Attacke?
Manche erleben auch fließende Übergänge ohne klaren Anfang oder Ende.
Ist vestibuläre Migräne gefährlich?
kann aber subjektiv extrem belastend sein.
Warum sieht man im MRT oder CT nichts?
Sie verursacht keine strukturellen Veränderungen, die bildgebend sichtbar wären.
Kann Stress vestibuläre Migräne auslösen?
als auch chronische Anspannung und Überforderung.
Warum ist der Supermarkt oft so schlimm?
überfordern das ohnehin sensible Gleichgewichtssystem.
Ist das eine Innenohrerkrankung?
und nicht im Innenohr.
Kann vestibuläre Migräne täglich auftreten?
Häufiger kommt es zu Phasen mit erhöhter Anfälligkeit.
Hilft vestibuläres Training?
und die Anfallshäufigkeit reduzieren.
Brauche ich Medikamente?
sind aber nicht immer notwendig. Viele profitieren auch von nicht-medikamentösen Maßnahmen.
Kann Ernährung ein Trigger sein?
Sind Hormonschwankungen problematisch?
insbesondere bei Frauen.
Kann man vestibuläre Migräne heilen?
und oft stark reduzieren.
Hilft Ausdauertraining?
und wirkt vorbeugend.
Kann vestibuläre Migräne Angstschwindel auslösen?
Warum bin ich nach einer Attacke so erschöpft?
Nach der Attacke folgt oft ein ausgeprägter Erschöpfungszustand.
Ist Tinnitus bei vestibulärer Migräne normal?
Kann ich Auto fahren?
Was ist der wichtigste Schritt im Umgang mit vestibulärer Migräne?
Dieses Verständnis reduziert Angst und hilft enorm bei der Stabilisierung.
